• Shamsey Oloko

„Be water, my friend“ – Wasser als Metapher der Selbstführung

Wasser! Das Elixier des Lebens und zugleich seit jeher eine ausgezeichnete Metapher, um abstrakte Gedanken zu veranschaulichen. In seinem berühmten Zitat „be water, my friend“ verwies Bruce Lee auf die besondere Eigenschaft von Wasser, sich der jeweiligen Form seines Behälters anzupassen, um dann weich zu fließen oder Schaden anzurichten. Genau diese Anpassungsfähigkeit empfahl er den Schülern seiner Kampfkunst, denn das dem Behälter angepasste Wasser kann man nicht ergreifen – und was man nicht ergreifen kann, kann man auch nicht besiegen.


Knapp fünfzig Jahre später steht nachfolgend nicht die Kampfkunst, sondern die Lebenskunst in Gestalt der Selbstführung im Scheinwerferlicht der Aufmerksamkeit. Mit stolzer Brust betritt sie die Bühne und wird rechts und links von zwei komplementären Bedingungen flankiert: Klarer Geist auf der einen Seite und klares Denken auf der anderen. Für die Kunst der Selbstführung, so die eindeutige Botschaft, braucht es beides. Doch was ist ein klarer Geist und was ist ein klares Denken? Be water, my friend! Lehnen wir uns also zurück und lassen das Wasser für uns sprechen.

Klarer Geist, verwirrter Geist


Ein unruhiger Geist ist wie ein aufgewühltes Gewässer. Starker Wellengang wirbelt das Wasser immer wieder aufs Neue auf und verhindert den klaren Blick auf das, was sich auf und unterhalb der Oberfläche abspielt. Wie der Geist so kann auch das Wasser durch innere oder äußere Umstände in Wallung gebracht werden. Erst wenn es zur Ruhe kommt, wenn der Wellengang abebbt und die Wogen sich glätten, erst dann schlägt die Stunde der Achtsamkeit, die sich mit wohlwollender Neugier dem Wasser nähert.

„Ruhig wie ein tiefer See mit ungetrübtem Wasser ist der Weise in seiner heiteren Klarheit.“ - Buddha

Manch einer mag erstaunen, was es dann alles zu entdecken gibt. Gedanken aller Art, die wie Luftblasen an die Oberfläche steigen und dort zerplatzen. Fische und andere Lebewesen, die wie Gefühle das Wasser mal sanft, mal etwas stürmischer in Bewegung versetzen. Versunkene Schätze in den dunklen Tiefen, aber auch alte, rostige Fahrräder, die als Erinnerungen ihren toxischen Charme versprühen und auf ihre Bergung warten.


Nur das ruhige, stille Wasser erlaubt uns einen klaren Blick auf das, was sich in ihm abspielt. Doch ob nun Luftblasen, Lebewesen, Schätze oder Schrott: Nichts davon ist das Wasser und doch ist alles im Wasser zu finden. So ist auch unser Geist nicht mit dem zu verwechseln, was er enthält: Gedanken, Emotionen, Körperempfindungen.

Klares Denken, verwirrtes Denken


In der Nähe meiner Wohnung gibt es einen Teich. Regelmäßig im Sommer kippt er, weil die Frischwasserzufuhr fehlt und sich die Algenpopulation rücksichtlos ausbreitet. Durch den Mangel an Sauerstoff wird das Gewässer zu einem lebensfeindlichen Ort. Es wird brackig und beginnt bestialisch zu stinken.


Genauso wie der Teich kontinuierlich Frischwasser braucht, um mit Sauerstoff versorgt zu werden, so benötigt auch der Geist kontinuierlich neue Eindrücke und Gedanken, die ihn inspirieren und zum Nachdenken anregen. Andernfalls läuft auch der Geist Gefahr, brackig zu werden und sich zu einem lebensfeindlichen Ort für andersartige, ungewohnte Gedanken und Vorstellungen zu entwickeln. Es droht das vollständige Ersticken in eigenen Glaubenssätzen. In Anlehnung an ein berühmtes Zitat von Henry Ford kann man sagen:

„Wer immer denkt was er bereits gedacht hat, bleibt immer das, was er bereits ist.“

Doch nicht nur die Frischwasserzufuhr muss gewährleistet sein, das mit Sauerstoff angereicherte Wasser muss sich im gesamten Gewässer auch ausbreiten und verteilen. Dieses Verteilen, bei dem sich das alte Wasser mit dem neuen Wasser vermischt, entspricht dem Denken. Das Herumkauen auf Erfahrungen und Eindrücken, auf Perspektiven und Meinungen. Es reicht also nicht, einen neuen Gedanken nur zu hören oder zu lesen. Es bedarf einer mitunter auch anstrengenden Denkbewegung, eines kritischen Nachdenkens über das Neuerworbene, um sich dieses auch wirklich zu eigen zu machen und es nicht als isolierten Fremdkörper einzuzäunen oder gar abzustoßen. Durch das Denken entstehen Strömungen im Geist, die ihn mit Nährstoffen versorgen.

„Lernen heißt nicht nur, mit dem Gedächtnis die Worte auswendig lernen – die Gedanken anderer können nur durch das Denken aufgefasst werden, und dieses Nach-denken ist auch lernen.“ - Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Fazit


Die Klarheit des Denkens steht also zum einen für die Qualität des Wassers durch neue, frische Eindrücke und zum anderen für dessen Durchmischung durch eine entsprechende Denkbewegung, damit der Geist ein lebensfreundlicher Ort für exotische, undenkbare Gedanken bleiben kann. Gleichwohl ist bei dieser Wasserhygiene sowohl von einer Überversorgung mit Sauerstoff aber auch von einer völligen Sterilität des Wassers dringend abzuraten! Analog zum brackigen Tümpel wird die Qualität des Wassers auch in diesen beiden Fällen lebensfeindlich – und ich überlasse es dem Leser, über die entsprechenden Gründe nachzudenken und zu sinnieren.


Die Klarheit des Geistes hingegen steht für die Bewegung des Wassers. Je ruhiger das Wasser, desto mehr lässt sich in ihm erkennen. Doch auch in den Momenten tiefster Ruhe werden das Leben im Wasser und die aufsteigenden Luftblasen dafür sorgen, das hier und da sanfte Bewegungen spürbar sind.

Be water, my friend!

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