• Shamsey Oloko

Wir alle wollen Freiheit! Doch was ist damit eigentlich gemeint?

Aktualisiert: 23. Juli 2020

Vor einiger Zeit habe ich mir mal wieder den Film Braveheart angeschaut. Die Szene in der William Wallace, gespielt von Mel Gibson, nur wenige Augenblicke vor seiner Hinrichtung das Wort „Freiheit“ in die Menge herausschreit bzw. -röchelt, verursacht bei mir noch immer Gänsehaut!


Was ist diese Freiheit, wofür der schottische Unabhängigkeitskämpfer bereit war zu leiden und zu sterben? Freiheit ist ein Konzept, das nicht allein gedacht werden kann, sondern stets einen Bezugspunkt benötigt. Entweder die Freiheit VON etwas (negative Freiheit) oder die Freiheit ZU etwas (positive Freiheit). Wenn ich nicht weiß, WOVON oder WOFÜR ich frei sein möchte, bleibt der Begriff eine leere Worthülse. Es braucht notwendigerweise eines klaren Bewusstseins für das, was mich unfrei macht und für das, was ich mit der Freiheit erreichen bzw. umsetzen möchte.


Und als wäre das nicht bereits genug, lässt sich Freiheit noch in zwei weitere Dimensionen unterteilen: Die innere Freiheit, d.h. mein Innenleben betreffend, und die äußere Freiheit, d.h. meine Umwelt betreffend. Doch wovon kann ich mich innerlich befreien? Und wozu strebe ich diese Freiheit an?


Der Reihe nach. Ich unterscheide drei Kerkermeister, mit denen ich es im Rahmen meiner inneren, negativen Freiheit zu tun habe. Allen ist gemein, dass ihnen etwas Manipulatives innewohnt. Sie ködern mich und sind Meister der Verführung – und da sie ein Teil von mir sind, sind sie streng genommen Meister der Selbstverführung:


  1. Der erste nennt sich „Glaubenssatz“ und steht für meine unhinterfragten Gedanken und Urteile. Ich wuchs bspw. mit dem Glaubenssatz auf: „Indianer kennen keinen Schmerz“. Was das für meinen Umgang mit Schmerzen bedeutete, kann sich jeder denken. Des Kerkermeisters Macht der Verführung liegt in der Sehnsucht nach Bequemlichkeit und Sicherheit. Wenn ich meine Glaubenssätze unkritisch annehme, vermeide ich es, selbst denken zu müssen und kann einfach so weiter machen wie bisher. Easy…

  2. Der zweite Kerkermeister nennt sich „Begierde“. Er kommt immer wieder aufs Neue mit dem süßen Versprechen daher, dass in dem Erreichen eines bestimmten Besitzes oder Ziels eine andauernde Zufriedenheit liegt. Gibt man sich diesen Einflüsterungen unkritisch hin, kann man sich direkt ein High Five mit Gollum aus Herr der Ringe geben.

  3. Der dritte Kerkermeister nennt sich „Gefühl“. Auch seiner Verführungskunst gilt es sich zu entziehen, jedoch nicht in dem Sinne, dass man seinen eigenen Gefühlen gegenüber gleichgültig und gefühllos werden sollte, sondern dass man sich von seinen Gefühlen nicht mehr überwältigen lässt – wenn man es nicht möchte. Die Aussage „blinde Wut“ drückt das m.E. sehr gut aus. Im Sinne der Achtsamkeit gilt es, neben dem Erleben der Emotion auch eine beobachtende Position einzunehmen, denn es macht einen großen Unterschied, ob ich sage „ich bin wütend“ oder „da ist Wut“. Auf diese Weise ist es möglich, die Wut wahrzunehmen, ohne sich mit ihr zu identifizieren, und man kann nun abwägen, ob sie ihrem Grund nach berechtigt und ihrer Intensität nach angemessen ist.

Das Licht der Erkenntnis scheint nun etwas heller auf die drei Kerkermeister, von denen es sich zu befreien gilt. Doch wozu strebe ich innere Freiheit an? Die innere, positive Freiheit liegt in der Kunst der Selbstführung. Führe ich mich selbst, so bin ich mir der Existenz der drei Kerkermeister bewusst und kann mich ihnen gegenüber auf eine bewusste Art und Weise verhalten – und damit die Verantwortung für mein Handeln übernehmen. Ich könnte immer noch der Überzeugung anhängen, dass Indianer keinen Schmerz kennen. Anders als früher wäre es dann jedoch das Resultat einer bewussten Entscheidung und nicht die unreflektierte Übernahme fremden Gedankengutes.


Äußere, negative Freiheit ist zu erreichen, wenn man sich der Fremdbestimmung in Form von Erwartungen, Rollen, Anforderungen etc. bewusst wird und für sich wählt, welche Aspekte aus gutem Grund die äußere Freiheit einschränken dürfen und welche es loszulassen gilt. Die Frage nach dem WOZU, d.h. die äußere, positive Freiheit manifestiert sich dann in einem bewusst gewählten Lebenswandel – oder anders ausgedrückt: der individuellen Vorstellung eines guten Lebens.


Für William Wallace war der Kampf für die äußere Freiheit VON der Herrschaft Englands und FÜR ein souveränes Schottland eine Herzensangelegenheit. Für mich liegt diese Herzensangelegenheit im lebenslangen Ringen mit den drei Kerkermeistern, um mich innerlich VON der Selbstverführung und FÜR die Selbstführung zu befreien.



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