• Shamsey Oloko

Warum Selbstmanagement nicht gleich Selbstführung ist.

In Gesprächen mit Klienten kommt häufig die Frage auf, ob Selbstmanagement nicht dasselbe sei wie Selbstführung. Eine berechtigte Frage, klingt doch beides recht ähnlich und schürt den Verdacht, dass hier wieder mal alter Wein in neuen Schläuchen angeboten wird. Tatsächlich hängen Gemeinsamkeiten und Unterschiede davon ab, wie man das eine und das andere jeweils definiert. Wenn ich bspw. den Begriff „Tisch“ als einen Gegenstand mit vier Beinen und einer Platte definiere, wo genau ist dann die Grenze zum „Hocker“?


Bei der Abgrenzung von Selbstführung und Selbstmanagement kommt es also darauf an, welche Definitionen den beiden Begriffen zugrunde liegen. Es ist durchaus möglich, beides in einen Topf zu werfen und den Einheitsbrei als unterschiedslos zu betrachten. Dieser Logik folgend, könnten auch Tisch und Hocker unterschiedslos als ein Gegenstand mit vier Beinen und einer Platte definiert werden. Zum Abendessen sitzt man dann um einen Hocker herum auf Tischen. Eine zugegebenermaßen etwas ungewöhnliche, aber bei dieser Definition dennoch mögliche Formulierung.


Doch was ist zu gewinnen, wenn man den definitorischen Einheitsbrei links liegen lässt und neben Gemeinsamkeiten auch Unterschiede beleuchtet? Wenn man die Auflösung erhöht und etwas genauer hinschaut? Man kann etwas über den Gebrauch sowie über die Beziehung der beiden Begriffe zueinander erfahren. Auch wenn ein Tisch und ein Hocker dieselbe Definition haben, so unterscheiden sie sich dahingehend, dass ein Tisch in der Regel nicht denselben Zweck erfüllt wie ein Hocker (Gebrauch) und dass ein oder mehrere Hocker in der Regel um einen Tisch herumstehen (Beziehung). Dieser Gedanke führt zur Frage über: Wozu dient Selbstmanagement und wozu dient Selbstführung? Und in welcher Beziehung stehen die beiden zueinander? Einen Ansatzpunkt liefert das Zitat von Peter Drucker:

“Management is doing things right; leadership is doing the right things.”


Ziel und Ansätze des Selbstmanagements


Selbstmanagement dient demzufolge der Effizienzsteigerung (doing things right). Die begrenzten Ressourcen – in diesem Fall Zeit und Energie – werden von mir bestmöglich eingesetzt. Unter dieses Verständnis fallen daher Ansätze wie Zeitmanagement, bei dem es darum geht, durch Delegieren, Priorisieren, Ignorieren etc. das kostbare Gut der (Arbeits-)Zeit optimal einzusetzen. Verschiedene Tools wie bspw. die Eisenhower Matrix unterstützen mich bei diesem Vorhaben.


Ein verwandter Ansatz ist die Selbstorganisation. Auch hier lautet der subtile Imperativ: „Organisiere Dich selbst, um produktiver zu sein.“ Mehr noch als meine Zeit sind in diesem Fall auch meine Ordnung, meine Zuverlässigkeit, meine Geschwindigkeit etc. Gegenstand meines Optimierungspotenzials. Gerade in Zeiten von Corona, in denen Home Office zum „New Normal“ wird, bekommt die Fähigkeit zur Selbstorganisation einen zunehmend höheren Stellenwert. Kann ich bspw. Aufgaben termingerecht und erwartungsgemäß erledigen, auch wenn da keine Führungskraft ist, die mir wohlwollend oder kritisch über die Schulter blickt?


Dieser Aspekt leitet zum dritten Ansatz des Selbstmanagements über, nämlich zur Selbstmotivation. Wie kann ich am Ball bleiben, wenn ich einen Durchhänger habe? Wenn mich das Thema nicht begeistert? Wenn Ausdauer gefordert ist? Wie kann ich mich belohnen oder bestrafen, wenn eine intrinsische Motivation nicht vorliegt?

Ziele und Ansätze der Selbstführung


Während es beim Selbstmanagement also darum geht, den Kuchen so zu schneiden, dass möglichst wenige Krümel auf den Boden fallen und möglichst viele Anspruchsgruppen ihr Stück vom Kuchen abbekommen, geht es bei der Selbstführung darum, den Kuchen, die Anspruchsgruppen sowie den Verteilungprozess zunächst bewusst zu definieren (doing right things). Selbstführung setzt also vor dem Selbstmanagement an!


Klar, Zeitmanagement ist wichtig, um bei gleichbleibender Zeit einen höheren Output zu erreichen. Aber warum, wozu, wofür und wie lange möchte ich eigentlich Zeit in dieses oder jenes investieren? Bin ich mir dieser Fragen bewusst oder folge ich einem unbewussten Glaubenssatz bzw. einer ungewollten Fremdbestimmung? Und wie halte ich es eigentlich mit Muße und Nichtstun?


Natürlich, Selbstorganisation ist wichtig, um durch Ordnung und Gewissenhaftigkeit mehr Leistung zu erbringen. Aber erlaube ich mir auch Freiräume jenseits des Produktivitätsdruckes? Und bin ich eigentlich Gefangener oder Gestalter meiner eigenen Ordnung und Organisation?


Und ja, Selbstmotivation ist wichtig, um die vereinbarten Ziele zu erreichen. Aber wann wird sie zur Obsession oder zur Selbstkasteiung und damit potenziell schädlich? Was mache ich, weil ich es machen will und was, weil ich es muss? Ist es richtig, sich für Dinge zu motivieren, hinter denen man eigentlich nicht steht?


Selbstführung bedeutet für mich, sich selbst zu erkennen und die Beziehung zu sich und zur Welt bewusst zu gestalten. Anders ausgedrückt: Es bedarf zunächst einer Analyse des Status Quos, um zu erkennen, wer ich bin, was ich fühle, was mir wichtig ist etc. Darauf folgt eine Planung hinsichtlich der Frage, wie ich mit mir selbst und anderen umgehen möchte. Wie definiere ich meine Rolle als Elternteil, Kind, Freund etc.? Und kann ich mir selbst ein Freund sein? Zu guter Letzt folgt die Umsetzung und Verantwortung der eigenen Planung. Wie kann ich sicherstellen, dass ich meiner Vorstellung gemäß lebe? Trotz möglicher Widerstände? Dass ich für meine Werte einstehe? Sie verteidige? Und stets bereit bin, den Prozess der Selbstführung von vorne zu beginnen, um kritisch, offen und agil zu bleiben?


Die Analyse des Status Quos, die Selbsterkenntnis, ist das Ergebnis von fortwährender Achtsamkeit und Selbstreflexion. Mittels Achtsamkeit schärfe ich meine (Selbst-)Wahrnehmung und nehme meine Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen deutlicher wahr, so dass ich mir selbst zunehmend weniger ein Rätsel bin. Durch die Selbstreflexion versprachliche ich erkannte Muster und Zusammenhänge, so dass sie mir selbst bewusst werden und ich mich auch anderen gegenüber mitteilen kann.


Für die Planung der Gestaltung der Beziehungen zur Welt und zu mir selbst braucht es ein klares Urteilsvermögen. Was will ich? Und was wollen Gesellschaft, Familie oder Job? Was ist Verhandlungssache und was ist unverhandelbar, da es einen wesentlichen Kern berührt? Was ist richtig und was ist falsch? Dabei ist es wichtig, sich selbst kritisch – aber auch wohlwollend – zu hinterfragen. Sich selbst hingegen mit Worten und Floskeln abzuspeisen, ist nicht selten ein Indiz für Selbsttäuschung, d.h. einer Unehrlichkeit sich selbst gegenüber, die man zwar ahnt, jedoch verdrängt. Ist diese Verdrängung über einen längeren Zeitraum erfolgreich, bricht sich womöglich irgendwann das Gefühl der Selbstentfremdung Bahn, d.h. es entsteht ein Gefühl, dass man ein „falsches“ Leben lebt.

Fazit


Meiner Definition nach sind die Ansätze des Selbstmanagements für die Umsetzung der Selbstführung sehr praktisch und hilfreich. Denn jetzt, wo ich als Kapitän meines Lebens weiß, welchen Hafen ich warum ansteuern möchte, ist es sinnvoll, die Dinge richtig zu tun. Daher lassen sich Selbstführung und Selbstmanagement wunderbar miteinander verbinden, wenngleich sie von ihren Zielen und Ansätzen her verschieden sind.




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