• Shamsey Oloko

Was bedeuten und wie unterscheiden sich Charakterstärke und Willensstärke?

Selbstdisziplin ist in aller Munde. Seine Ziele zu definieren, um sie dann konsequent und entschlossen zu verfolgen, zeugt heutzutage von einem starken Willen. Mental- und Motivationstrainer helfen dabei, sich selbst anzutreiben und den inneren Schweinehund tagein, tagaus jedes Mal aufs Neue niederzuringen. Zum Zwecke der Ernährung, des Sports, der Karriere oder worauf auch immer das Ziel gerichtet ist. Selbstdisziplin als Manifestation von Willensstärke ist in unserer Gesellschaft das Kennzeichen eines „erfolgreichen“ Menschen – sofern Erfolg in erster Linie mit Leistung und der Überwindung des eigenen Schweinehunds gleichgesetzt wird.


Gleichwohl hat Willensstärke auch ihre Schattenseiten, nämlich immer dann, wenn aus der Selbstdisziplin ein fast schon fanatisch anmutender Selbstzwang wird. Wenn ich mir selbst bei guten Gründen Ausnahmen von der Regel versage und mich bei Abweichung meiner Zielerreichung sogar selbst bestrafe. In diesem Fall ist es nicht die Selbstdisziplin, die mich antreibt, sondern eine aus Zielen gewobene Zwangsjacke, die ich mir selbst umgelegt habe und die meinen Handlungsspielraum einschränkt.


Analog zur Selbstdisziplin ist zwar auch der Selbstzwang eine Ausprägung meiner Willensstärke. Doch dort, wo Selbstdisziplin Raum für Flexibilität lässt, besitzt der Selbstzwang ungesunde, bisweilen sogar destruktive Züge, die sich durch ihren eindimensionalen Fokus auf das Ziel und dessen kompromisslose Erreichung auszeichnen. Obwohl Selbstdisziplin und Selbstzwang also aus derselben Quelle schöpfen, unterscheiden sie sich in ihrem jeweiligen Ausmaß an Flexibilität.

Charakterstärke bezieht sich auf meine Prinzipien und nicht meine Ziele


Neben der Willensstärke mit ihren Ausprägungen der Selbstdisziplin und dem Selbstzwang schlummert in uns allen noch eine weitere Quelle der Kraft: die Charakterstärke, eine Art Standfestigkeit gegenüber den eigenen Prinzipien. Auch hier lassen sich zwei Ausprägungen unterscheiden.


Zum einen ist da die Prinzipientreue. Prinzipientreu ist jemand, der trotz Widerstände für seine Prinzipien einsteht und dies sogar im Angesicht von sozialer Ausgrenzung oder psychischer und physischer Gefährdung tut. In diesem Fall steht nicht die Leistung in Form der Überwindung des eigenen Schweinehundes im Vordergrund. Es ist vielmehr die innere Überzeugung der Gültigkeit der eigenen Prinzipien, die es in äußeren Handlungen zum Ausdruck zu bringen gilt. Mit anderen Worten: Wenn mir bspw. Meinungsfreiheit wichtig ist, dann schütze und verteidige ich dieses Prinzip – und erkenne auch an, dass andere deswegen eine von mir abweichende Meinung haben dürfen, die ich trotz Missfallens aushalten muss, gerade weil ich meinem Prinzip treu bleiben möchte.


Auf der anderen Seite steht die Prinzipienreiterei. Hier wird das Prinzip fast schon religiös als unverhandelbar betrachtet. Die Einhaltung des Prinzips ist alternativlos, da jegliche Ausnahme die Wirksamkeit des Prinzips unterhöhlen würde. Nicht selten hat der Prinzipienreiter in seinem sozialen Umfeld einen schweren Stand, da er nicht nur sich selbst, sondern auch andere unermüdlich darauf hinweist, was seiner Meinung nach richtig oder falsch ist. Die Motivlage ist dabei vielfältig: von der Angst vor Unsicherheit und einem schwankenden Weltbild bis hin zur Pedanterie und Selbstherrlichkeit.


Fazit


Willensstärke mit ihren Ausprägungen Selbstdisziplin und Selbstzwang sowie Charakterstärke mit ihren Ausprägungen Prinzipientreue und Prinzipienreiterei stellen beide eine Quelle der Kraft dar, aus derer wir schöpfen können, um (selbstgesteckte) Ziele zu erreichen und nach (selbstgewählten) Prinzipien zu leben. Ob diese Kraftquellen zum Guten oder Schlechten eingesetzt werden, entscheidet sich erstens in der Wahl der Prinzipien und Ziele. Sind meine Ziele bspw. selbstausbeuterisch und meine Prinzipien unmoralisch, dann enthalten meine Willens- und Charakterstärke ein destruktives Potenzial – sowohl für mich selbst als auch für andere. Zweitens steht auch die Frage im Raum, mit welchem Grad an Flexibilität meine Willens- und Charakterstärke flankiert werden. Bin ich ausnahmslos engstirnig, dogmatisch und verbissen oder erkenne ich auch gut begründete Ausnahmen an, so dass meine Willens- und Charakterstärke eine Flexibilität aufweisen, die jedoch nicht mit Willkür zu verwechseln ist? Eine weitere Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss.

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